logoblogg.de • Elektrische Zigarette 

Montag, 10.10.2011

Nachdenken.

Nachdenken. Immer dieses Nachdenken. Gleich einem Hinkenden zieht man immer wieder etwas hinter sich her – das Laufen ist kein linearer Vorgang mehr. Der Mangel an Symmetrie und Proportionalität der Gliedmaßen lässt die Bewegung unrund erscheinen. Man schleppt sich durch seine Gedankenwelt. Irrt wie ein Suchender von einer Erinnerung zur nächsten. Als habe man von allem ein bisschen etwas gehört und versuche permanent am Anfang anzuknüpfen, um ihn fortzusetzen. Dabei ist alles doch nur eine unsägliche Wiederkäuerei und Wiedergängerei. Man selbst hinkt spukend durch die eigene Erinnerung. Auf der Jagd nach einer sagenumwobenen roten Linie, die immer wieder auftaucht. Vielleicht gerade weil man sie sehen will. Vielleicht verschwindet sie auch gerade dann wieder, wenn man sie nicht sehen will. Man will sie übersehen. Wenn man sich an sich selbst erinnern will, dann ist man wie ein Ermittler, der den eigenen Mörder sucht. Dabei ist man selbst sowohl Täter als auch Opfer als auch Ermittler. Das sieht man nicht. Kann man nicht sehen. Man kann nicht zugleich in Distanz zu sich gehen und trotzdem alles aus der Nähe betrachten. Wie schief wäre dieses Unterfangen, und wieviel Kopfschmerzen würde der bloße Versuch bereiten. Es ist wie eine Operation am offenen Herzen ohne Narkose. Nacheinander mag es wohl gehen: Der Blick aus der Distanz offenbart den mythischen Kern, der sich bei sich selbst wiederfinden lässt. Damit hat noch keine Korrektur stattgefunden, für die es nie eine Garantie gab, nur Belege für ihre Möglichkeit. Das sollte, nein, das muss uns reichen. Und wem das nicht reicht, der wollte es schon am Anfang bleiben lassen.

Samstag, 08.10.2011

Der Speicher

Eines Abends begab er sich auf den alten Speicher seines Hauses. Dazu musste er einer von der Decke hängenden Leine ziehen. Sogleich offenbarte sich eine Treppe, die ihm den Anstieg zum Speicher ermöglichte. Es handelte sich zwar nur um einige Stufen, doch bereitete es ihm einige Anstrengung, den Weg nach oben zu nehmen, der ihm vielmehr
wie ein Weg in die Tiefe vorkam. Oben angekommen und begleitet von seinem eigenen Ein- und Ausatmen tastete er nach dem Lichtschalter und wurde nach einiger Zeit fündig. Was gerade noch in der Dunkelheit lag und daher nur konturenhaft erkennbar war, nahm nun langsam Gestalt an. Seine Augen konnten sich nur nach und nach an den Übergang
vom Dunklen ins Helle gewöhnen. Das erste, was ihm auffiel, waren die vielen Spinnweben und die massiven Staubschichten, die sich wie Schneedecken auf all die unterschiedlich alten Gegenstände und
Andenken gelegt hatten. Wie sollte er sich nur in den all den Erinnerungen zurecht finden. Er griff intuitiv zu einer kleinen Truhe, an der zwar ein Schloss angebracht war, welches jedoch keineswegs
verschlossen war. In der Truhe erblickte eine Vielzahl an Fotografien, teilweise bunt, teilweise in Form von schwarzweiss-Aufnahmen. Er nahm einige davon heraus und ließ seinen Blick auf ihnen ruhen.
Bei einigen fiel ihm spontan ein, zu welcher Gelegenheit das jeweilige Bild entstanden war. Bei anderen bereitete es ihm eine fast schon körperliche Anstrengung, sich ihres Entstehens zu erinnern.

Nach einiger Zeit wurde er eines weiteren Umstandes gewahr: Auf keinem der Bilder war er vollkommen allein zu sehen. Immer war
mindestens eine Person bei ihm, wennn er sich nicht gar inmitten einer größeren Gruppe von Menschen erblickte. Und dadurch erschien ihm jedes Foto als Darstellung einer Differenz. Immer musste er
sich selbst mit der anderen Person oder den anderen Personen auf dem Bild vergleichen. Immer fand er Mängel und Vorteile vor. Immer stieß er auf verschlossen gebliebenes Glück und Erfolg.
Da waren nicht einfach Menschen mit einem ihnen eigenen Wesenskern. Da waren immer nur Relationen und Unterschiede zu sehen. Jeder stand
in einem Bezug zu den anderen und sie alle, und er auch, waren nicht mehr als Koordinaten in einer großen Beziehungsmatrix. Die Linien und Punkte auf den Bildern verschwammen. Er bekam Kopfschmerzen, welche er auf die Unmengen verstaubter
Gegenstände auf seinem Speicher und auf seine Stauballergie zurückführte. Er stieg die Trepper wieder herunter, ließ die Treppe erneut in die
Decke ein und ruhte sich eine Zeit lang auf seinem Sofa aus.

Donnerstag, 28.07.2011

im Vakuum

Ich trage schwer an einem Kopf voller Wörter
doch keines fällt mir ein
wie kann es sein, dass ich ihnen nicht werter werd
und sie werden nicht mein?

Auf meiner Zunge zentnerweise warme Luft
die steinern fällt und bleiern quillt
wohin zielen, damit die Kugel fliegt?
wer ist der Jäger - wer das Wild?

Wir kreisen ein und umkreisen nur
auf endlosen Geraden
ein Punkt A würde mir schon reichen
und hätte mehr als ein Wort zu sagen.

Dienstag, 12.07.2011

Tag

Eines Morgens erwachte ich und der Tag war schon fast wieder vorüber als ich das Gefühl hatte, ich hätte nur ein wenig getan. Er war einfach so vorbeigegangen. Ich kann nicht sagen, dass ich untätig gewesen wäre, könnte aber auch nicht konkret benennen, was ich genau getan hatte. Ich hatte nur eine Erinnerung daran, dass ich in meiner Tätigkeit unglaublich viel aufgesaugt hatte, das nun nicht mehr an einer Oberfläche zu finden war, sondern wohl eher in einigen Ecken zu finden gewesen wäre und zu gegebener Zeit sicher wieder zum Vorschein gekommen wäre, wie es im Übrigen in der Vergangenheit bei dieser Tätigkeit schon öfter der Fall gewesen war. Mir stellte sich bei dieser Betrachtung, so seltsam ihre Zu- und Umstände auch sein mögen, nie die Frage, ob diese Tätigkeit denn überhaupt einen Nutzen mit sich bringe. Diese Frage wurde an mich schon oft von außen herangetragen, wobei immer nur in verschleierter Form. Ja, manches Mal hatte ich richtiggehend den Eindruck, man formuliere es nur ungern als Frage, sondern äußere es viel lieber als Sachverhalt, der von allgemeiner Gültigkeit sei, gerade so, als ginge es der entsprechenden Person nur darum, die eigene Position zu unterstreichen und keine andere in Betracht zu ziehen. Ich bin mir aber wohl bewusst, dass diese nun geschilderte und doch nicht geschilderte Tätigkeit, deren Schilderung müßig wäre, denn sie erscheint von außen betrachtet vermutlich eher unspektakulär und langweilig, da sie viel mehr für jene inneren Areale gemacht zu sein scheint, von denen ich bereits eingangs sprach, eine Tätigkeit ist, deren Nutzen mit dem Wollen des sie Ausübenden eng verknüpft ist. Und so ideell wie sie manchem wohl erscheint, gerade in der heutigen Zeit, so ideologiekritisch ist sie, was sich aber eben nur jenem eröffnet, der sich ihr eröffnet, denn er muss ja viel an sie herantragen, um sie als erfüllend zu erleben. Er muss ja damit klar kommen können, dass er nicht das Maß aller Dinge ist, und dass er noch viel zu lernen hat, und das auch noch von anderen Menschen. Er muss ja gleichsam nicht nur rein sprichwörtlich so einiges über den Haufen werfen, er muss ja tatsächlich so sehr bei sich selbst anpacken, als ziehe er in ein neues Haus ein, nur dass er das Inventar des vorigen Bewohners in diesem Haus ebenfalls noch zu entrümpeln hat. Und besonders hart wird ihn vermutlich treffen, dass am Schluss immer noch alles Mögliche offen bleiben wird, insbesondere Fragen. Das muss man sich mal vorstellen: Man hat ein Haus erst auszuräumen und räumt es danach neu ein und kann sich dann nicht sicher sein, ob das Kinderzimmer gut eingerichtet wurde, ob der Fernseher am rechten Ort steht, ob die Toilette immer funktionstüchtig sein wird oder ob etwas fehlt oder nicht oder doch. Keiner scheint einem die Garantie dafür zu geben, höchstens man selbst, und selbst der nicht immer und auch eher selten. Jedenfalls hat mich dieser Tag, der doch trotz allem oder vermutlich gerade deshalb so schnell vorüber ging, doch sehr erfüllt.

Als ich neulich einen Tag erlebte, der hingegen sehr viel geordneter war und bei dem ich allerhand machte und tat und gar nicht die Frage aufgekommen wäre, wie etwas zu tun sei, und wenn sie doch aufkam, dann erklärte es mir sofort jemand mit den einleitenden Worten „Du musst jetzt“ und es gab keine Diskussion und es hatte auch keine zu geben, weil ja alles schon so klar und evident war, dass die bloße Frage nach etwas schon ins Reich der Lächerlichkeit zu verbannen gewesen wäre, da sie ja rein nichts mit dem Wort Systemimmanenz gemein hatte, sondern mit Querdenkerei und damit mit der Art, wie man ein Buch liest, aber nicht mit der Art, wie man etwas anpackt und etwas tut und etwas macht und wie man etwas nicht nur buchstäblich, sondern tatsächlich über den Haufen wirft, weil man dazu aufgefordert wird und sonst keine Gegenleistung erhält und die Erwartungen sonst nicht erfüllt werden, die eines Tages jemand einfach mitten in den Raum gestellt und mit dem Finger drauf gezeigt und gesagt „Da, das sind die Erwartungen!“ und sie mit dem Hinweisschild „zu erfüllen“ versehen hatte, da war ich ein bisschen enttäuscht von der sogenannten Realität innerhalb der sogenannten realen Welt.

Brille

An irgend einem Morgen ging ich in Richtung der Universität, um dort an einem von mir belegten Seminar teilzunehmen. Ich begab mich zum Bahnhof, um den Zug zu erreichen, der mich an mein Ziel bringen sollte. Als ich in den Zug gestiegen, dieser unverzüglich losgefahren war und ich ein Buch aus meiner Tasche kramte, das ich zu lesen gedachte, fiel mir auf, dass ich meine Brille zuhause vergessen hatte. Nun war es zu spät, um sie noch zu holen und so beschloss ich, einfach in Ruhe mein Buch zu lesen, denn ich brauchte die Brille ja lediglich für die Ferne. Aber egal, was ich auch versuchte, wie sehr ich mich bemühte, ich konnte mich nicht auf den Inhalt meiner Lektüre konzentrieren. Während ich mich tatsächlich körperlich immer mehr der Universität näherte, musste ich gedanklich noch einmal den Weg vom Bahnhof nach Hause ablaufen, da sich dort ja meine Brille befand. Als der Zug in der zu erreichenden Stadt hielt, stieg ich zwar aus und bewegte mich in Richtung der Universität fort, von der ich noch ungefähr fünf Minuten entfernt war, allerdings befand ich mich gedanklich ungefähr fünf Minuten von meinem Zuhause entfernt. Als ich schließlich über die Schwelle der Universität trat, war mir so, als überschreite ich die Schwelle meiner Haustür. Und da kam mir ein Gedanke: Es wird wohl heute auch einmal ohne die Brille gehen. Das sollte kein Problem sein. Um mich zugleich für diesen Einfall zu loben und damit mir das nächste Mal ein solcher Gedanke früher einfiele, wollte ich mir selbst kurz auf den Kopf klopfen, als mir auffiel, dass ich die Brille wohlmöglich nach oben geklappt hatte und sie sich auf meinem Kopf befand.

Mittwoch, 29.06.2011

Gespräch

Eine Frau mittleren Alters hatte einen Sohn namens Georg, gesprochen Schorsch, der in der Schule nicht sonderlich erfolgreich war. Er war gedanklich eher
langsamer Natur, was seine Mitschüler dazu veranlasste, auf ihn herabzusehen, und seine Lehrer dazu brachte, die gewünschten Antworten auf ihre Fragen mit Gebrüll oder dem Stock aus ihm herauszubekommen, was vornehmlich scheiterte.
Eines Nachmittags begab sich Schorschs Mutter zu seinem Klassenlehrer, bei dem er Mathe und Deutsch besuchte. Der Lehrer ließ sich im Verlauf des Gesprächs zunehmend darüber aus, dass ihr Schorsch schlichtweg kein guter Schüler sei, da er offensichtlich nicht den nötigen Hirnschmalz habe. Schorschs Mutter hörte sich in aller Seelenruhe die Ausführungen des Lehrers an, welche immer wieder in
neue Worthülsen verkleidet wurden, letztlich aber immer und immer wieder nur das Gleiche aussagten, nämlich dass ihr Sohn zu nichts tauge, nicht den schulischen Anforderungen entspreche, kurzum, dass ihr Sohn durch das unsichtbare Brandmal eines
Verlierers gezeichnet sei. Als der Lehrer sich eine ganze Weile in diesen seinen Ausführungen ergangen hatte, blieb es für einen Moment still zwischen den beiden. Ruckartig stand Schorschs Mutter auf, fixierte dabei den Lehrer, bewegte sich zielgerichtet auf ihn zu und packte ihn an seinem Kragen: "Nun sind Sie erstaunt, nicht wahr? Sie wissen nicht, was sie sagen sollen. Sehen Sie, und so geht es meinem Sohn."

Dienstag, 21.06.2011

Heute

Ich erinnere mich, wie ich einmal unglaublich verärgert über jemanden war. Er hatte sich über Wochen verantwortungslos, indifferent und selbstgerecht verhalten. An einem bestimmten Punkt kulminierten meine Emotionen darüber und ich schrie ihm mit jeder Faser seine Unzulänglichkeit an den Kopf. Er reagierte nicht etwa mit Bestürzung oder Anteilnahme, sondern brach lediglich in ein derart taubes Gelächter aus, dass es mir inmitten meiner Tirade kalt den Rücken hinunter lief. Mich durchzogen heiss-kalte Schübe von Hass und Trauer. Hass, weil ihm ganz offensichtlich der Ernst der Lage nicht bewusst war, Trauer, weil sein Lachen mir verriet, dass er die Welt wie aus einer Hülle aus Watte betrachtete. Je länger ich ihm meine Meinung entgegenbrüllte, desto länger und mehr lachte er, und desto länger und mehr schrie ich, weil er immer weiter lachte und ich immer weiter schrie. Wäre ich an diesem Tag konsequent gewesen, hätte ich uns beide umbringen müssen. Wenn ich heute daran denke, schütte auch ich mich in ein taubes Gelächter aus, denn diese Erinnerung führt mir vor Augen, dass es keinen Ernst der Lage gibt.

Mittwoch, 15.06.2011

Befürchtungen

Ein Autor schrieb eine Erzählung. Am Schluss seiner Erzählung sorgte er dafür, dass sein Held sich umbringt. Weil er ihn umgebracht hatte, brachte er sich selbst um. Darüber schrieb ein Autor, der Selbstmordgedanken hatte. Als er den Autor seiner Geschichte, der seinen Held sich umbringen lässt, sich selbst umbringen lässt, entschließt er, sich selbst umzubringen. Das alles lässt sich nachlesen in einer Erzählung, dessen Autor, nachdem er sie geschrieben hatte, Selbstmord beging, wie man in einer weiteren Erzählung nachlesen kann. Regierung und Bevölkerung fürchten, dass es bald keine Autoren mehr geben wird, solange jemand darüber schreibt.

Zoogeschäft

Ein Mann mittleren Alters betritt ein Zoogeschäft. Er betrachtet das Sortiment.Die Tiere in ihren Käfigen schaut er sich besonders aufmerksam an. Bei den Schlangen und Spinnen muss er schmunzeln. Plötzlich bleibt er wie gelähmt vor einem Käfig stehen und verlässt im nächsten Moment panisch mit einem stummen Schrei auf den Lippen das Geschäft. Zuletzt hatte er einen Hamster in seinem Rad betrachtet.

Dienstag, 14.06.2011

Predigt

An einem Sonntagmorgen fand sich der Geistliche Herr Meier in seiner Wohnung zum Gottesdienst ein. Als er dessen jedoch gewahr wurde, dass er an diesem Morgen der einzige sein würde, der seiner Predigt Aufmerksamkeit schenken würde, löschte er das Licht im Saal, legte sein Gewand ab und verließ den Raum.